4. Tag: Endlich in Erlangen

 

© Oliver Klempert

Manfred Elwing beim Reparieren der festgefressenen Bremse.

 

»Romantische Straße« – so verhöhnt und das Schild, wenn es im Scheinwerferlicht kurz aufleuchtet. Denn was tagsüber sicher reizvoll wäre – jetzt, nachts und völlig übermüdet, lässt sich die Situation und der Weg nur so beschreiben: eine Tortur.

Wir fahren die ganze Nacht und wollen am Morgen die anderen eingeholt haben – in Erlangen, bei dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Solarmobil, Roland Reichel. Diese Wegstrecke wird uns in Erinnerung bleiben: Los geht es schon damit, dass sich die Hinterradbremse am Twike von Manfred Elwing festfrisst – mitten auf einer Main-Brücke, wenige Minuten bevor wir gegen 23 Uhr von Wertheim aus starten. Vor geht es nicht mehr, zurück geht es nicht mehr. 240 Kilogramm wiegt ein Twike leer, mit unserem Gepäck darin bestimmt um die 300 Kilogramm. 

Und als ob das nicht reicht, kommt ein riesiger Truck angerast, der erst im letzten Moment ausweicht, während Elwing quer in seinem Twike hängt und mit einem Inbusschlüssel Schrauben löst, um die Bremse wieder frei zu bekommen. Um es abzukürzen: Der Truck trifft nicht, die Brücke verlassen wir unbeschadet. »So etwas kenne ich sonst gar nicht», sagt Elwing. Normalerweise überholten gerade große Lkw besonders behutsam und langsam, weil sie wissen, was sie in ihrem Sog mit einem Twike oder CityEl anstellen würden. »Die meisten fühlen wahrscheinlich so etwas wie Mutterinstinkte, wenn sie uns sehen.»

Die Temperatur der Akkus ist indes gut, und so kommen wir bis Bad Mergentheim, wo bei der offiziellen Ladestelle für uns ein Kabel bereit liegt. Dass man als Elektromobilist niemals zu knapp kalkulieren sollte, wird mir klar, als ich um 1.30 Uhr die restlichen 500 Meter schiebe – und 300 Kilogramm sind nicht eben wenig.

 
 

©  Oliver Klempert

Hier, auf der Mainbrücke vor der Wertheim-Burg, startet für Christopher Klump und seine Mitfahrerin die Fahrt in die Nacht.

Zwei Stunden dauert der Ladevorgang und so schlafe ich auf der Isomatte – wieder unter freiem Himmel – im Industriegebiet wenigstens für eben diese zwei Stunden, während Elwing den Ladevorgang überwacht. Gegen 3.30 Uhr geht es schließlich weiter – bis nach Aub. Weil wir diese Strecke nur noch über Land fahren, tief in der Nacht und über einer Stunde nicht einem anderen Auto begegnen, drängt sich mir der Eindruck eines riesigen aber geschlossenen Freizeitparks auf – wir sind die einzigen Gäste und haben den ewig währenden Freifahrtschein. Wären da nicht die besagten Schilder, die den Weg als »romantisch« einstufen und uns damit ärgern.

Um 5.30 Uhr sind wir in Aub, schlafen zwei Stunden und fahren gegen acht Uhr weiter. Mal ehrlich: Es gibt Augenblicke, da kann man die Lust verlieren – und dies ist ja nun erst der vierte anbrechende Tag der Reise. Es soll sich wegen der Temperatur und der alsbald wieder überhitzten Akkus auch heute wieder bis in den Abend ziehen, bevor wir das Domizil von Roland Reichel, mittlerweile 655 Kilometer von unserem Startpunkt in Dortmund entfernt, erreicht haben – obwohl es im Grunde nur noch 70 Kilometer sind.

Autohäuser spendieren uns auf Nachfrage unkompliziert Strom, denn mittlerweile verabschieden wir uns nach und nach von dem Konzept, nur die fixen Haltepunkte anzufahren. Ob »Volkswagen« oder »Mercedes« – überall werden wir aufgenommen. »Grün unterwegs« – das zieht mittlerweile auch bei den Konzernen. Wahrscheinlich ist es aber auch ein wenig der Niedlichkeitseffekt, wenn wir mit unserem kleinen »Plaste-Mobilen« vorbei an den großen teils gepanzerten Fahrzeugen anrollen und um eine Prise Strom nachfragen.

Einen Tag sind wir in der Planung nun hinterher – eigentlich sollte es morgen nun Richtung Saalburg gehen, 150 Kilometer nördlich von uns. Allerdings hat die Gruppe beschlossen, noch einen Tag auszuruhen – nicht zuletzt wegen der drei mitreisenden Kinder Canan, Sevin und Fenya. 

Morgen wird an dieser Stelle daher einiges zum Thema Elektromobil berichtet, über Reichweiten- und Hitzeproblematik etwa, oder welches CO2-Äquivalent sich durch das Fahren mit einem E-Mobil einsparen lässt.

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Oliver Klempert
© PHOTON, 6. August 2003
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