1. Tag: von Dortmund nach Koblenz 

Die Tour ist eng geplant, der Zeitdruck groß: 1.800 Kilometer in nur neun Tagen, da will straff gefahren werden. Die elfte »Tour de Ruhr« ist gerade beendet – diese alljährliche Wettfahrt von Elektromobilisten durch das Ruhrgebiet, an der knapp 60 Teilnehmer an vier Tagen 250 Kilometer bewältigten –, da ist schon klar: Was in der Gluthitze dieses Sommers bereits für jene eine Herausforderung war – es ist nichts gegen das, was auf die 13 Waghalsigen zukommt, die an der Deutschlandtour 2003 teilnehmen. 

 

© Oliver Klempert

Mit dabei: die 10-jährige Canan Neh.

 

Pünktlich um neun Uhr vormittags wird am 3. August gestartet, um an diesem Tag die ersten 220 Kilometer zu schaffen. Über Wuppertal, Hilden und Düsseldorf geht es nach Köln, dann weiter bis Bonn. So zumindest steht es auf dem Plan. Die Realität sieht hingegen schon bald anders aus. 

Vom Pech verfolgt wird Enno Meier aus Ritterhude bei Bremen. Er ist mit einem CityEl dabei, einem einsitzigen Elektrofahrzeug, über das PHOTON bereits berichtet hatte (4-2003). Meier kaufte dieses Fahrzeug bereits vor elf Jahren. Als es 25 Kilometer stromabwärts von Köln mit einer Autofähre über den Rhein und zuvor über eine äußerst steinige Straße geht, bricht die Blattfeder, die beim CityEl Stöße auf die Hinterachse abfängt. Der 41-Jährige flucht. Doch bereits hier, etwa 80 Kilometer nach dem Start in Dortmund, beweist die Gruppe ihren Zusammenhalt. Bald schon liegt Harald Neh – selbst Besitzer eines CityEl – unter dem Wagen, es wird geschraubt und gefeilt, die Feder schließlich gewechselt. Manfred Elwing, Besitzer eines Twike – ein zweisitziges Elektromobil mit derart gemütlichen Schalensitzen, dass sich die Welt aus der Dackelperspektive unterwegs ganz neu darbietet, beantwortet unterdessen die Fragen von Passanten. Und es ist erstaunlich, welch großen Interesses sich Elektromobile erfreuen. 

 
 

©  Oliver Klempert

Hier wird der Rhein überquert (bei Zons).

Nach der Reparatur geht es weiter. Elwing soll die Gruppe anführen, hat er sich doch in sein Twike ein GPS-System eingebaut (Global Positioning System). Der Sprachcomputer sagt ihm nun, wo er wann und wie abbiegen soll. Das Ziel lautet: Richard-Wagner-Straße in Köln. Nicht nur, dass sich die Gruppe aus den acht Fahrzeugen wegen roter Ampelphasen bald verliert, auch gibt es in der Millionenstadt besagte Straße gleich sechs Mal. Und das GPS-System führt prompt zur falschen.

Einfach umkehren und die anderen wieder einholen – so einfach geht es leider nicht: Wenn der Akku leer ist, muss aufgeladen werden. Organisator der Deutschlandtour, Stephan Nagel vom Verein Vera, hatte sich dazu extra Haltepunkte ausgedacht und mit den Fahrern abgesprochen, wo sie an den Strom kommen – denn alle 60 Kilometer müssen die Wagen an die Dose.

Nur: Dort wo die Reisenden letztlich landen, ist niemand, der sie empfängt. Enno Meier klingelt daher kurzerhand bei der Berufsfeuerwehr von Köln-Lövenich. Die Feuerwehrleute öffnen verdutzt, gewähren aber Einlass. Sie spendieren Strom für die Fahrzeuge und Kaffee für die Fahrer. Dann werden sie zum Einsatz gerufen – aber da sind die Akkus schon wieder geladen. 

Per Handy – und ohne geht es nicht – machen wir den übernächsten Stopp in Bonn als Treffpunkt aus. Rund 30 Kilometer sind es bis dorthin. Durch die falschen Wege und die nicht geplante Reparatur haben wir rund zwei Stunden verloren. Gegen 22 Uhr wollten wir eigentlich den Campingplatz bei Koblenz erreicht haben. Daraus wird nun nichts – doch Organisator Stephan Nagel entscheidet, weiter zu fahren. Und sei es bis spät in die Nacht. Das hat seinen Grund. Er weiß, dass sich gerade bei solch großen Touren die Verspätungen sehr schnell unaufholbar summieren. Und während Manfred Elwing fährt, lege ich als Beifahrer die Beine hoch im Twike – und werde sanft durch die Nacht kutschiert.

Morgen: 245 Kilometer sind zu schaffen. Die längste Strecke der Tour führt von Koblenz bis nach Würzburg.

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Oliver Klempert
© PHOTON, 3. August 2003
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