Luxemburg ist Photovoltaikweltmeister

25.11.2003: Von der Steueroase zum Photovoltaikparadies: 50 Prozent Kostenzuschuss und rund 60 Cent Einspeisevergütung winken den Eignern von Solarstromanlagen in Luxemburg. Da ist es kein Wunder, dass im Großherzogtum inzwischen mehr Modulleistung auf einen Bewohner entfällt als irgendwo sonst auf der Welt. Doch bei nur 420.000 Einwohnern ist der Markt sehr begrenzt – und hat darüber hinaus seine Eigenheiten.

 

© Solarpower S.A.

Bislang die größte PV-Anlage in Luxemburg: Der Solarpark Grevenmacher mit 300 Kilowatt Leistung.

 

Nicht weit hinter der deutschen Grenze, am Rande der Distrikthauptstadt Grevenmacher und nahe der sonnenverwöhnten Mosel, ist im Juli das mit rund 300 Kilowatt (kW) bislang leistungsstärkste Solarkraftwerk Luxemburgs in Betrieb gegangen. An einem Südhang hinter einem Einkaufszentrum wurden 2.574 amorphe Dünnschicht-Module der amerikanischen Firma United Solar installiert. Rechnet man mit der landestypischen durchschnittlichen Einstrahlung von rund 1.000 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter, so werden die Generatoren insgesamt 255.000 Kilowattstunden (kWh) Strom im Jahr gewinnen, der ins Netz des Luxemburger Stromversorgers Cegedel eingespeist wird.

Aus der Luft ist gut zu erkennen, dass die Fläche in sechs Felder aufgeteilt ist. Was man jedoch nicht sieht: Jedes Feld besteht seinerseits aus zwölf kleinen 4-kW-Anlagen, welche alle verschiedenen Eigentümern gehören. Diese Unterteilung hat mit dem Fördersystem in Luxemburg zu tun. Denn der Staat zahlt jedem Käufer einer Solarstromanlage einen 50-prozentigen Zuschuss, und zwar bis maximal 5.000 Euro pro Kilowatt. Allerdings mit einer Einschränkung: Die stattliche Finanzspritze gibt es nur für Anlagen zwischen einem und vier Kilowatt Leistung (ausgenommen sind lediglich Mehrfamilienhäuser und Geschäftsgebäude). So wird der Wert »vier Kilowatt« zur magischen Zahl, der man in dem kleinen Land immer wieder begegnet.

Ein Beispiel weiß Sascha Gajewski-Schneck von der niederländischen Firma Ecofys zu berichten. In diesem Jahr hat der Projektmanager von der Niederlassung Köln aus schon Dutzenden Luxemburger Landwirten Anlagen in der Größe von 20 bis 30 Kilowatt verkauft. Damit ein möglichst hoher Förderbetrag in Anspruch genommen werden konnte, wurden die Systeme zu jeweils vier Kilowatt gestückelt und unter den Angehörigen verteilt. Denn den Zuschuss kann jeder in Anspruch nehmen, der in dem Großherzogtum eine Sozialversicherungskarte und damit eine »Matrikelnummer« besitzt. Die wiederum bekommt, wer in Luxemburg mit Erstwohnsitz gemeldet ist.

Dazu gibt es eine Einspeisevergütung von 50 Cent pro Kilowattstunde für alle Anlagen zwischen einem und 50 Kilowatt Leistung - daher auch die Einteilung des 300-Kilowatt-Solarparks in sechs Modulfelder. Wie in Deutschland ist diese Förderung degressiv angelegt: Nachdem man im Jahre 2001 mit 55 Cent gestartet war, sank der Wert Anfang dieses Jahres planmäßig auf einen halben Euro, ab Januar 2004 werden es nur noch 45 Cent sein. Die Vergütung kann 20 Jahre ausbezahlt werden, mit der Betonung auf »kann». Allerdings rechnet in Luxemburg niemand damit, dass die Regierung für alle bestehenden Anlagen irgendwann den Rotstift ansetzt. Dazu gibt es noch einen Zuschlag von rund zehn Cent, der über den jeweiligen Netzbetreiber vom Wirtschaftsministerium ausbezahlt wird.

Entsprechend rosig sehen die Wirtschaftlichkeitsberechnungen aus: Eine Photovoltaikanlage, für die der Zuschuss und die Einspeisevergütung in Anspruch genommen werden kann, amortisiert sich in Luxemburg schon nach acht bis zehn Jahren. Ein Wert, von dem die Betreiber kleiner und mittlerer Anlagen in Deutschland nur träumen. Da ist es kein Wunder, dass Luxemburgs größte Photovoltaikanlage schon nach sechs Wochen an die Anteilseigner verkauft war –  laut Mike Hein vom Projektierer Solarpower S. A. waren noch nicht einmal die Werbebroschüren verschickt. 

Doch der »Solarpark Grevenmacher« ist nur ein Teil des Luxemburger Photovoltaikbooms, der von Insidern gern als »raketengleich« bezeichnet wird und alle Beteiligten überraschte. Ende 2000 waren im Großherzogtum nur 71 Kilowatt installiert, und auch in 2001 hatte es mit insgesamt 171 Kilowatt installierter Gesamtleistung noch verhalten begonnen. Denn die Regierung in der Hauptstadt Luxemburg hatte den Zuschuss erst am 17. Juli und die Einspeisevergütung gar erst am 28. Dezember 2001 rückwirkend zum 1. Januar eingeführt. In 2002 wurden dann allerdings nach Angaben des Umweltministeriums fast 1.400 Kilowatt zusätzlich montiert. Und in diesem Jahr werden es nach konservativen Schätzungen etwa zwei Megawatt sein. Das macht insgesamt mindestens 3,5 Megawatt installierte Photovoltaikleistung zum nächsten Jahreswechsel - eine eindrucksvolle Leistung für einen Staat mit der Einwohnerzahl eines größeren deutschen Landkreises. Bei der installierten Modulleistung pro Kopf sind die Luxemburger inzwischen Weltmeister: Auf je 120 Einwohner wird zum Ende des Jahres ein Kilowatt kommen.

Natürlich bildet der kleinste Staat der Europäischen Union einen sehr überschaubaren Markt, in dem überdies – etwa für deutsche Firmen - nicht ganz so leicht Fuß zu fassen ist. Gajewski-Schneck von Ecofys, der persönliche Kontakte zum Luxemburger Bauernverband nutzen konnte, drückt es so aus: In einem Land, in dem fast jeder Bürger einen Minister persönlich kenne, seien Beziehungen eben ganz wichtig. Ähnliches deutet Murray Cameron von der deutschen Phönix Sonnenstrom AG an. Wer keine Kontakte nach Luxemburg oder Partner vor Ort besitze, habe es nach den Worten des Vorstandsmitglieds sehr schwer.

Die anderen sind allerdings fein raus: So wird Ecofys in 2003 etwa 850 bis 900 Kilowatt installieren – hauptsächlich auf Dächern, da der Grund und Boden in Luxemburg auch auf dem Lande relativ teuer ist. Der Hamburger Solarvertrieb SunTechnics will über seine beiden luxemburgischen Franchisenehmer bis Jahresende Module für etwa 200 Kilowatt abgesetzt haben. Die Auftragsbücher der Installateure seien randvoll, was natürlich auch mit der planmäßigen Senkung der Einspeisevergütung zum 1. Januar 2004 zusammenhängen mag, so Thomas Vespermann von SunTechnics.

Dass der Markt trotz des Wachstums einen ziemlich aufgeräumten Eindruck macht, ist mit einer Eigenart des luxemburgischen Systems erklärbar: Sowohl die direkte Förderung als auch die Einspeisevergütung kommen in der kleinen Monarchie vom Staat, jeder Antrag läuft über die Tische von zwei Ministerien (siehe Kasten). Darüber hinaus beherrscht der Netzbetreiber Cegedel zwei Drittel des Strommarkts.

Die staatliche Einspeisevergütung hatte bei den Wettbewerbshütern der Europäischen Union übrigens zu einigem Kopfzerbrechen geführt. Der weniger problematische »deutsche Weg« – eine Umlage auf die Stromverbraucher – war von den Luxemburgern aus Rücksicht auf die Stahlindustrie verworfen worden. Die Genehmigung aus Brüssel wurde erst im November 2001 erteilt – über ein Jahr nach Veröffentlichung der Pläne –, was das In-Kraft-Treten des Gesetzes bis Dezember jenen Jahres verzögerte. Letztendlich hatten sich die Luxemburger mit dem Verweis auf das Ziel »Umweltschutz« durchgesetzt. 

 
 

© SunTechnics Solartechnik GmbH

Die Hamburger Vertriebsfirma SunTechnics ist über zwei Franchisenehmer im Geschäft. Hier wurde eine Solarfassade an einem Gebäude des Stromversorgers Cegedel installiert.

Zwar ist der Beitrag der Photovoltaik derzeit noch bescheiden: Im Jahre 2002 machte die Photovoltaik mit knapp 60 Megawattstunden erzeugtem Strom nicht einmal ein halbes Promille innerhalb des Segments »regenerative Energien« aus. Dennoch kommt es in einem Land ohne Küste und in dem die Wasserkraft laut Umweltministerium »ausgereizt« ist, eben auf jeden Beitrag an. Eine Einschätzung, die Roger Spautz von Greenpeace Luxemburg teilt. Endlich sei in der Bevölkerung einmal etwas bewegt worden, lobt er, kritisiert aber, dass man sich kein konkretes strategisches Ziel gesetzt habe.

Da alle Förderung in Luxemburg vom Staat ausgeht, ist das System mindestens genauso abhängig von der Politik wie in Deutschland. Allerdings weisen unsere Nachbarn eine nicht zu unterschätzende Eigenheit auf: Sie haben Geld in der Kasse. Kein Wunder, dass das Vertrauen in die Regierung groß ist und alle mit einer für 20 Jahre garantierten Einspeisevergütung rechnen, obwohl sich die Politik hier mit der »Kann»-Vorschrift ein Schlupfloch offengelassen hat.

Fakt ist: Die Regierung gibt inzwischen erheblich mehr Geld für die Photovoltaikförderung aus als geplant. Laut Henri Haine, im Umweltministerium für Klimapolitik zuständig, verschlingen der Zuschuss und die Einspeisevergütung mittlerweile fast vier Millionen Euro pro Jahr – und damit den Löwenanteil des Gesamtbudgets für alle erneuerbaren Energien zusammen. Befürchtungen von Insidern, der Zuschuss könne daher von heute auf morgen entfallen, weist er allerdings zurück: »So etwas kann sich keine Regierung leisten.« Gar nicht glücklich ist man in seiner Behörde allerdings über die großen Modulfelder, die unter Anteilseignern aufgeteilt werden. Man sei ursprünglich von privaten Kleinanlagen auf Dächern ausgegangen und möchte die leistungsstarken Solarkraftwerke, die von Gesellschaften betrieben werden, künftig über das Wirtschaftsministerium gefördert wissen.

Im Sommer 2004 werden die Karten ohnehin neu gemischt: Dann stehen Parlamentswahlen an, und niemand weiß, ob die Regierung des Premierministers Jean-Claude Juncker abgelöst wird. Die Solarbranche gibt sich trotz dieser Ungewissheiten gelassen. So nehmen Sascha Gajewski-Schneck von Ecofys und Mike Hein von Solarpower zwar an, dass die direkte Förderung spätestens zum Ende 2004 gekürzt wird. In 2004 könne man allerdings noch viele Aufträge abarbeiten, so Gajewski-Schneck. Und auch Thomas Vespermann von SunTechnics rechnet mit einem weiteren glänzenden Jahr. Dennoch: Die richtig paradiesischen Solarzeiten dürften in Luxemburg in naher Zukunft zu Ende gehen. 

 

Jens Nickel
© PHOTON, 2003
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