
Scheuten kauft die Modulproduktion
von Flabeg Solar
Die Insolvenz von Flabeg Solar im Februar öffnete das Tor für einen neuen Interessenten: Scheuten Solar Systems, eine Tochter des niederländischen Glaskonzerns Scheuten Glasgroep, hat das Anlagevermögen des Modulherstellers gekauft, ohne dessen rechtliche Verpflichtungen übernehmen zu müssen. Die Aktivitäten werden nun in der Scheuten Solar Technology GmbH fortgeführt.
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Solar Verlag |
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Langfristige Strategie: Der niederländische Glaskonzern Scheuten will bis 2010 groß in die Produktion von Dünnschicht-Modulen einsteigen. Weil das Know-how und die Marktstellung von Flabeg Solar auf dem Weg dorthin gut ins Konzept passen, hat Scheuten die Modulproduktion der Firma in Gelsenkirchen erworben. |
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Shell und BP hatten bereits abgewunken, die Hoffnungen konzentrierten sich auf den Fassadenspezialisten Schüco. Über mehrere Monate liefen die Gespräche
– doch Ende Januar 2003 sagte Schüco ab. Da wurde es brenzlig für die Flabeg Solar International GmbH in Gelsenkirchen: Die Firma brauchte dringend frisches Geld von einem neuen Investor, um über die Runden zu kommen, denn die eigene Mutter, die Flabeg Holding in Fürth, war nicht mehr bereit, weiteres Kapital zur Verfügung zu stellen. Alle Versuche von Axel Buchholz, dem Vorsitzenden der Holding-Geschäftsführung, doch noch einen Investor an Land zu ziehen, blieben fruchtlos. So musste die Solartochter am 21. Februar Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen.
Das Stammgeschäft von Flabeg Solar war die Sonderanfertigung von großen Glas-Glas-Modulen für einzelne Projekte. Erst 2002 kam mit der hochautomatisierten Produktionsstraße im ersten Stock des Gelsenkirchener Fabrikgebäudes die Herstellung von Standardmodulen dazu. Daneben gab es noch eine kleine Abteilung, in der acht von insgesamt 88 Beschäftigten an der Projektierung solarthermischer Kraftwerke arbeiteten. Dieser Bereich ist inzwischen in die Flagsol GmbH ausgegliedert, einer gemeinsamen Tochterfirma von Flabeg Solar und der Solar Millennium AG in Erlangen.
Nach dem Insolvenzantrag rauchten bei Oussama Chehab, dem Direktor der Photovoltaikabteilung, und seinem Stellvertreter Erhard Krausen die Köpfe: Wie könnte man den Betrieb fortführen? Zunächst dachten die beiden an ein Management-Buyout
– also die Übernahme durch Angestellte –, stellten aber schnell fest, dass ein reines Mitarbeitermodell, so Krausen,
»auf zu wackligen Füßen« gestanden hätte. Deshalb kam recht bald ein Name ins Gespräch, der bei den Verhandlungen vor der Insolvenz praktisch keine Rolle gespielt hatte: Scheuten Solar Systems.
Die im Jahr 2000 gegründete Firma hatte Anfang 2001 bereits den Exklusivvertrieb für Flabeg-Module in den Benelux-Staaten übernommen. Sie ist eine von 16 Tochtergesellschaften des niederländischen Flach- und Spezialglaskonzerns Scheuten Glasgroep, der mit über 900 Mitarbeitern und einem Umsatz von 140 Millionen Euro im Jahr 2002 zu den Mittelständlern in der Branche zählt
– kein Vergleich etwa zum Weltmarktführer Saint-Gobain oder der Pilkington-Gruppe, zu der auch Flabeg Solar bis zum April 2000 gehörte. Anders als Pilkington setzt Scheuten aber auf die ganze Wertschöpfungskette von der Floatglasherstellung bis zu verschiedenen Veredelungsprodukten wie Isolier-, Sicherheits- oder Designgläsern.
In Abstimmung mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter Frank Nikolaus aus der Essener Sozietät Depping, Nikolaus & Partner fühlte Oussama Chehab bei den Niederländern vor, ob für sie ein Engagement in Frage käme, und stieß auf Interesse. Frans van den Heuvel, Geschäftsführer von Scheuten Solar Systems, war nach dem Eindruck von Krausen
»von Anfang an überzeugt, dass das eine gute Verbindung geben würde».
Dagegen hatte der Chef der Scheuten Glasgroep, Jacques Scheuten, zunächst offenbar ein wenig Bedenken, ob die Modulproduktion von Flabeg Solar ins Konzept des Konzerns passen würde. Denn Scheuten schmiedet große Pläne: Seine Forschungsabteilung arbeitet seit vier Jahren an der Entwicklung einer Pilotlinie zur Herstellung von Dünnschicht-Modulen mit der Halbleiterverbindung Kupfer-Indium-Gallium-Diselenid (CIGS). Die Produktion ist auf riesigen Glasplatten mit einer Abmessung von sechs mal drei Metern geplant, die anschließend in kleinere Einheiten geschnitten werden. Bei solchen Dimensionen ist es kein Wunder, dass bereits für die Pilotlinie eine Kapazität von zehn Megawatt vorgesehen ist. Doch Scheuten will noch höher hinaus: Bis 2007 oder 2008 peilt er in der zweiten Stufe ein Volumen von 100 Megawatt an. Und 2010, sagt der Boss ganz ernsthaft,
»soll die Gigawatt-Fabrik fertig sein». Um Solarstrom konkurrenzfähig zu machen, gibt es für ihn nur einen Weg:
»Das geht nur über Dünnschicht. Man muss Output haben.»
Scheuten ist aber nicht so vermessen zu glauben, im Jahr 2010 werde es keine kristallinen Solarzellen mehr geben.
»Wir finden es ein sehr schönes Material, um damit zu gestalten«, sagt der Konzernchef. Und so sieht er in der Übernahme der Flabeg-Modulproduktion auch keinen Widerspruch zu seiner Dünnschicht-Strategie:
»Wir können beides bieten.« Auch Scheutens Solarmanager Frans van den Heuvel verspricht sich von dem Engagement einiges: nicht nur den Zutritt auf den deutschen Markt und eine Verstärkung im Ausland, sondern auch
»die große Erfahrung, die Flabeg Solar hat, das Fingerspitzengefühl, was im Markt passiert. Da sitzen wirklich sehr gute
Leute». Scheuten Solar war bisher nur als Systemhaus aktiv.
Die Verhandlungen mit dem Insolvenzverwalter zogen sich eine ganze Weile hin. Spezialisten der Scheuten Groep, eine Anwaltskanzlei und ein Patentbüro nahmen Flabeg Solar einen Monat lang gründlich unter die Lupe. Am 5. Juni schließlich verkündete Konzernchef Jacques Scheuten bei der Einweihung einer 164-Kilowatt-Solaranlage auf einer Fabrikhalle von Scheuten Solar in Venlo die Übernahme der Aktivitäten von Flabeg Solar. Die Tochter Scheuten Solar Systems kauft rückwirkend zum 1. Juni das Anlagevermögen der Flabeg Solar International GmbH und bringt es in eine 100-prozentige Tochterfirma namens Scheuten Solar Technology GmbH ein. Über den Kaufpreis wollte das Unternehmen keine Angaben machen.
Es handelt sich um einen so genannten Asset Deal, bei dem Scheuten Solar die Rechte und Pflichten der alten Gesellschaft nicht mit übernimmt. Erhard Krausen von Flabeg Solar rechnet aber damit, dass die Insolvenzquote zur Erfüllung der Gläubigerforderungen sehr hoch, wenn nicht gar 100 Prozent sein wird. Denn sowohl Zellenlieferanten als auch Modulabnehmer wie der Solarwärme-Spezialist Viessmann seien auch nach der Insolvenz bei der Stange geblieben und hätten damit Geld in die Insolvenzkasse gebracht. Mit den wichtigsten Gläubigern sei der Einstieg von Scheuten abgestimmt, die Gläubigerversammlung am 25. Juni müsse aber noch zustimmen, sagte Krausen bei der Bekanntgabe in Venlo.
Über die gefundene Lösung können sich nicht alle Mitarbeiter von Flabeg Solar freuen: 30 wurden Ende Mai entlassen und über einen Sozialplan abgefunden. Weitere drei gingen von sich aus, darunter auch Oussama Chehab, der sei 1. Mai bei der Firma Rosendahl Industrievertretungen den internationalen Vertrieb leitet. Immerhin 47 Angestellte werden in der neuen Gesellschaft weiterbeschäftigt. Geschäftsführer wird Frans van den Heuvel, sein Stellvertreter Erhard Krausen.
In der Insolvenz sieht van den Heuvel für Scheuten Solar Systems eine Möglichkeit, ohne Risiken bei Flabeg Solar einzusteigen. Vor der Insolvenz, bekennt er freimütig, hätte man das Unternehmen nicht gekauft, denn unter diesen Umständen wäre es
»sehr schwierig« gewesen, »die Risiken einzuschätzen». Die Probleme, die Flabeg Solar etwa mit der Delamination des Gießharzes in Glas-Glas-Modulen hatte, sind nach seiner Überzeugung jedoch geklärt: Als Ursache nennt van den Heuvel ebenso wie Erhard Krausen die Antireflexbeschichtung alter Siemens-Solarzellen aus Titanoxid sowie die mangelnde Aushärtung des Gießharzes im Bereich der Anschlussdosen an der Rückseite.
An der hochautomatisierten Flabeg-Fertigungslinie für Standardmodule, die Leute wie der SolarWorld-Vorstandschef Frank Asbeck schon als
»totgeborenes Kind« bezeichnet haben, will Scheuten Solar mit einer Investition von einer Million Euro noch in diesem Jahr die Schwächen ausmerzen. SolarWorld baue bei seiner Tochter Solar Factory im sächsischen Freiberg eine Anlage mit genau derselben Philosophie, also könne der Ansatz bei Flabeg Solar
»nicht so falsch gewesen sein«, sagt van den Heuvel. Verbesserungsbedarf gibt es laut Erhard Krausen am Roboter, der die einzelnen Solarzellenstränge eines Moduls miteinander verschaltet, sowie bei der Rahmung, für die derzeit noch vier Arbeitskräfte nötig sind. Mit den geplanten Maßnahmen sei es möglich, die Kapazität der Anlage von zehn Megawatt
»ohne Schwierigkeiten auf 15 Megawatt zu bringen».
Deutlich auswirken würde sich der Vorteil der hohen Automatisierung allerdings erst bei einer Jahresproduktion von 40 oder 50 Megawatt, weiß Krausen, doch dafür fehlt der Platz im Gelsenkirchener Fabrikgebäude. Um dieses Ziel geht es dem Flabeg-Experten jedoch gar nicht:
»Ich will nicht mit Sharp konkurrieren. Wenn wir schon nicht das billigste Modul haben, dann muss es unter den Besten
sein.« Krausen will deshalb »konsequent die Qualität verbessern« und neue Anwendungen wie Glas-Glas-Module mit beidseitig lichtempfindlichen Bifacial-Zellen erschließen, die zum Beispiel in Lärmschutzwänden an Autobahnen in Nord-Süd-Richtung eine gute Chance hätten. An der Scheuten-Gruppe gefallen Krausen die straffe Organisation und
»Qualitätskontrollen bis ins kleinste Detail«, und deshalb ist er »fest davon überzeugt, dass wir Erfolg haben
werden». Auch Frans van den Heuvel ist zuversichtlich, mit Flabeg Solar den richtigen Griff getan zu haben:
»Wenn man die Risiken einschätzen kann, die Ursachen kennt und die Lösungen hat, dann ist es eine sehr tolle
Firma.»
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