Die MSC GmbH fällt mit ihrer Oressana-Präsentation in Nürnberg auf die Nase

Im April startete die MSC GmbH, ein Vertriebsarm der Oressana AG, in Süddeutschland eine Reihe von Werbeveranstaltungen für die Geschäftsidee, pulverförmige »Aktivstoffe« zur Solarstromerzeugung zu vermarkten. Am 17. April machte die Kampagne in Nürnberg Station. MSC-Geschäftsführer Michael Rogmann erlebte dort sein blaues Wunder.
 

Der Rahmen im Congress Hotel Mercure in Nürnberg ist gediegen, es geht ja schließlich um die Präsentation einer »Weltneuheit in der Photovoltaik-Technik«. Fast 60 Interessierte sind an diesem Mittwochabend zu der Veranstaltung gekommen, so dass im Raum »Faberpark« noch ein paar zusätzliche Stühle herbeigeschafft werden müssen. Solch einen Andrang hat selbst Michael Rogmann nicht erwartet.

Rogmann, der sich als Geschäftsführer der MSC GmbH aus Kleve vorstellt und sein Alter mit »33 Jahre jung« angibt, will seinen Gästen eine »mit Sicherheit atemberaubende Geschäftsidee« präsentieren. Schon in der Einladung war von einem »absolut konkurrenzlosen Produkt« die Rede, »das Quantensprünge für die ökologische Energieerzeugung bedeutet«: so genannte »Aktivstoffe« in Pulverform, die angeblich Strom erzeugende Lacke und Kunststoffe möglich machen und die Kosten für Photovoltaikanlagen bei gleichem Wirkungsgrad um mehr als 70 Prozent reduzieren sollen.

Bevor Rogmann an diesem Abend zu der »bahnbrechenden Entdeckung« kommt, präsentiert er erst einmal ein paar Fakten über den Treibhauseffekt, das Erneuerbare-Energien-Gesetz und Photovoltaikanlagen. Dabei merkt man, dass er in der Branche nicht ganz zu Hause ist, denn er spricht von »solarthermischem Strom«, gibt den Strompreis pro »Kilowatt« statt Kilowattstunde an, tauft den Solarpapst Hermann Scheer in »Helmut Scheer« um und glaubt, dass Silizium »künstlich gezüchtet und angebaut« wird.

Doch das ist nur, so Rogmann selbst, »Vorgeplänkel«. Er bringt noch ein kurzes Zitat aus einer Greenpeace-Studie zur Photovoltaik (»Der große Durchbruch lässt auf sich warten. Der wichtigste Grund dafür ist der hohe Preis.«), dann geht es los: »Solarstrom wird jetzt preiswert ... durch uns!«, wirft der Beamer an die Wand. Rogmann zeigt einen Investitionskostenvergleich zwischen herkömmlicher Photovoltaik und der neuen Technik, bei der Solarmodule nur noch 1.000 Euro pro Kilowatt Leistung kosten sollen. »Das ist ein absoluter Quantensprung«, tönt der Referent. »Unser Erfinder hat einfach ein bisschen herumgeforscht und durch Zufall etwas gefunden, was die Branche revolutionieren wird.« Bei marktüblichen Solarmodulen liegt der Preis pro Kilowatt zwischen 4.500 und 7.000 Euro.

Möglich werden soll die neuartige Solarstromerzeugung durch »Aktivstoffe« der Oressana AG, die sich in Lacke und Kunststoffe mischen lassen. »Wir nennen es Toner«, sagt Rogmann. Der Erfinder habe an einem Betonersatz geforscht. »Er hat Silizium, Phosphor und Bor gemahlen. Daraus entstanden sind die Oressana-Aktivstoffe.« An einem Solarziegel aus Kunststoff werde »momentan gearbeitet mit Dachziegelherstellern«. Doch zunächst sind Strom erzeugende Folien »das Produkt, mit dem wir vorrangig auf den Markt gehen werden«, behauptet Rogmann. Zur Illustration, »wie so etwas aussehen könnte«, zeigt er ein flexibles Solarmodul, das die Fachkundigen im Publikum unschwer als ein Uni-Solar-Modul des amerikanischen Herstellers Bekaert ECD Solar Systems identifizieren. »Folien gibt es schon von Amerikanern«, erklärt Rogmann dazu, »wir haben die einfach mal gebeten, unsere Folie einzuarbeiten.«

Das ist aber auch alles, was Rogmann über das Produkt zu erzählen hat. Den Rest des Vortrags geht es nur noch um Vertrieb - und Geld.
Eine Vertriebspartner-Lizenz ist schon mit einem »Starter-Kit« für 99 Euro zu haben. Als Zeitpunkt der Produktplatzierung nennt Rogmann Mitte 2002, »spätestens Ende des Jahres«. Zu den fünf Millionen Euro Startkapital, das zunächst eingeworben werden soll, erklärt er ein paar Fragestellern in der Vortragspause: »Wir fangen klein an, damit niemand denkt, dass wir mit dem Geld abhauen.«

Hinter der Vertriebspartner-Lizenz steckt das Konzept des Strukturvertriebs - oder neudeutsch: »Network-Marketing« - à la Tupperware, das Rogmann nach der Pause lang und breit erläutert. Prinzip: »Jeder verdient das, was er verdienen möchte.« Für den Vermittlungserfolg gibt es ein Punktesystem, und Rogmann präsentiert entsprechende Tabellen, anhand derer er traumhafte Provisionseinkommen hochrechnet. Der Manager in seinem Beispiel benötigt dazu allerdings schon 50 Vertriebspartner.

Im Publikum kommt bei diesen Zahlenspielen zunehmend Skepsis auf. Auf den ersten kritischen Einwand antwortet Rogmann: »Meine Damen und Herren, Sie sind hier eingeladen worden. Ich bitte Sie, solche Gespräche zu unterlassen. Hier sitzt wieder ein Oberschlauer drin. Ich weiß, dass hier genügend sind, die von der Sache begeistert sind.« Als die nächste Frage das Network-Marketing in Zweifel zieht, kontert Rogmann: »Wir wollen nicht die, die uns bekämpfen wollen.« Reaktion aus dem Publikum: »Es müssen doch kritische Fragen gestellt werden können.« Darauf Rogmann: »Aber nicht heute. Die Leute haben noch einen weiten Nachhauseweg.«

Einen Solarinstallateur lässt dieser Appell kalt. »Sie machen das ganze Geschäft kaputt«, wirft er Rogmann vor, wenn er den Eindruck erwecke, Solarstromanlagen zu einem Zehntel des gängigen Preises anzubieten: »Sie verkaufen eine Idee und kein Produkt!« Ein Kollege mahnt Rogmann an, er hätte »wenigstens ein Labormuster« präsentieren müssen; die Leute seien zu der Veranstaltung schließlich hunderte von Kilometern angereist. »Alles andere halte ich für unseriös«, empört er sich. Rolf Fahle, Geschäftsführer der Solar Betriebs- und Beteiligungsgesellschaft für Solaranlagen mbH aus Furth bei Landshut, verabschiedet sich von Rogmann kurz und bündig: »Sie kennen nicht einmal den Unterschied zwischen (elektrischer) Arbeit und Leistung. Sie bauen ein Schneeballsystem auf, mit dem Sie die Leute abcashen. Deshalb gehe ich jetzt.« Prasselnder Beifall im Raum.

Noch deutlicher wird ein anderer Solarinstallateur: »Woher nehmen Sie das Recht, Leute, die von Technik, die von Vertrieb Ahnung haben, so zu verarschen?«, fragt er Rogmann. Der rettet sich mit dem Hinweis: »Wir laden Sie gerne wieder ein, wenn wir mit der ersten Produktlinie am Markt sind. Wir machen Mitte nächsten Monats eine Großveranstaltung.« Während eine wohlmeinende Stimme fordert: »Sie müssen jetzt mit dem Produkt kommen«, kommentiert ein verärgerter Besucher nur noch gallig: »Es geht ums Motiv. Wenn ich Geld einsammle und nach mir die Sintflut, dann ist mir das egal.« Rogmann bellt daraufhin zwar noch etwas von »Unterstellung«, doch die meisten haben von seiner Präsentation genug und machen sich auf den Heimweg. Einen Lizenzvertrag hat an diesem Abend offensichtlich keiner unterschrieben.


Wir werden weiter über die Vorgänge um die Oressana AG und die Firma MSC berichten. Wenn Ihnen dubios erscheinende Unterlagen von den genannten Firmen zugehen, so bitten wir um eine Kopie unter Telefax 0241/4003-334.

 


 

Johannes Bernreuter
© PHOTON, 19. April 2002
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