ENS am Ende?

28.10.2003: Die Deutsche Kommission »Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik« wollte ihren minimal überarbeiteten Normenentwurf zur selbsttätigen Freischaltstelle für Photovoltaikanlagen (ENS) eigentlich schon im September verabschieden. Doch dann schlug ein Mitarbeiter des Netzbetreibers RWE Net vor, die Impedanzmessung ganz abzuschaffen. Stimmen die anderen Netzbetreiber und die Berufsgenossenschaft seinem Vorschlag zu, könnte dies das Ende der ENS bedeuten. 

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Seit Jahren kämpfen die Niederländer gegen die ENS – hier Irene de Jong von OKE-Services, einem Entwickler modulintegrierter Wechselrichter.

Die Niederländer werden sich über den Vorschlag von RWE-Net-Mitarbeiter Martin Kleimaier, die Impedanzmessung abzuschaffen, sicher freuen. Aus dem Nachbarland kam stets der größte Widerstand gegen den ermächtigten Normenentwurf des VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik), der eine Abschaltung der Photovoltaikanlage vom Netz bei einem Impedanzsprung vorschreibt, mithin bei einer Änderung des Innenwiderstandes des Netzes, der bei Netzstörungen auftritt. Bei einigen deutschen Wechselrichterherstellern sorgte die Anregung des RWE Net-Mitarbeiters dagegen wohl eher für Unbehagen. Denn schließlich haben sie für die Entwicklung der automatischen Einrichtung zur Netzüberwachung (ENS) viel Geld investiert. Diese misst den Impedanzsprung und würde dann überflüssig. 

Kleimaier will die Forderung nach Impedanzmessungen aus dem ermächtigten Normenentwurf VDE 0126 streichen. Dies schlug er den Teilnehmern der »Forschungsgruppe Sicherheitsaspekte bei dezentralen netzgekoppelten Energieerzeugungsanlagen« (Sidena) bei einem Treffen am 24. September vor. Er sagte, die Impedanzmessung bringe keine zusätzliche Sicherheit, berichtet Sidena-Projektleiter Christian Bendel. Obwohl »das ja im Prinzip eine der Forderungen war, die der VDEW als Dachverband der Energieversorgungsunternehmen selbst gefordert hat«.

»Personen und Meinungen können sich ändern«, meint Michael Viotto, Obmann des Arbeitskreises 373.09 der Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE). In diesen Arbeitskreis bringen die Projektpartner von Sidena, zu denen neben acht Netzbetreibern auch fünf Wechselrichterhersteller gehören, Vorschläge für neue Normen ein. Sidena wurde zwar letztes Jahr mit dem Ziel gestartet, Alternativen zum Impedanzmessverfahren zuzulassen. Derart gravierende Änderungen waren so schnell jedoch nicht geplant. 

Die 20 Mitglieder des DKE-Arbeitskreises aus Forschungsinstituten, Energieversorgern und der Industrie treffen sich seit März 2002, um die VDE 0126 dem Stand der Technik anzupassen. Beispielsweise wollen sie Fehlauslösungen der ENS, wie sie am Ende langer Stichleitungen entstehen können, vermeiden und die Akzeptanz des Normenentwurfs erhöhen. 

Bis zu dem überraschenden Vorschlag von Martin Kleimaier hatte man vorgehabt, den nur geringfügig überarbeiteten Entwurf bei einem vierten und letzten Treffen Ende September in Frankfurt zu verabschieden. Zu den Änderungen zählte beispielsweise die Erweiterung der Frequenzabweichung, bei der die ENS die Photovoltaikanlage vom Netz trennen soll, von 0,2 Hertz auf 0,5 Hertz. Eine vollständige Abschaffung der Impedanzmessung war jedoch nicht vorgesehen. 

Das Treffen wurde nun kurzfristig abgesagt und auf den 10. November verschoben, damit man eventuelle Änderungen berücksichtigen kann. Denn RWE steht mit seiner Auffassung anscheinend nicht allein. »Die anderen Energieversorger sehen das ähnlich«, weiß Bendel. Es herrsche jedoch noch keine Einigkeit, belastbare Aussagen stünden aus. »Wir haben vereinbart, dass alle Sidena-Partner ihr Statement abgeben«, erklärt Bendel. »Dann soll das Problem zusammen mit der Berufsgenossenschaft diskutiert werden.« 

Klaus Köln hat keine Begründung für die Absage des DKE-Treffens bekommen. Der Pionier in Sachen ENS arbeitet als Gast bei dem Arbeitskreis mit. Zu seinen Kunden zählen Fronius, Sunways, Sun Power, Philips und Mastervolt, für die er die Freischaltstellen entwickelt. »Mit der Netzarbeitsgruppe von Sidena stimme ich überhaupt nicht überein«, erklärt Köln. Er ist der Meinung, dass die ENS das Netz besser stabilisiert als andere Überwachungsverfahren, die ohne die Impedanzmessung auskommen. 

Auf seine Stellungnahme darf man also gespannt sein – ebenso wie auf die Reaktionen der Sidena-Partner SMA und Siemens, die ebenfalls ENS-Geräte entwickeln und produzieren. Den größten Einfluss auf die Zukunft der ENS hat jedoch die Berufsgenossenschaft. Will sie die Impedanzmessung abschaffen, so Viotto, »können weder die Energieversorger noch die Wechselrichterhersteller sehr viel dagegen tun«. Dann muss sich der deutsche Wechselrichtermarkt wohl vermehrt für die Geräte ausländischer Hersteller öffnen.

Iris Krampitz
© PHOTON, 2003
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