
Die Auferstehung der
DünnschichttechnikAb
Juni wird Würth Solar erstmals in einer Pilot-Anlage Solarmodule aus
Kupfer-Indium-Diselenid (CIS) kommerziell herstellen. Die Pilot-Anlage
hat eine jährliche Kapazität von 1,2 Megawatt.
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Kurt Henseler |
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Countdown läuft. Bis zur Eröffnung der Fabrik am 19.
Juni muß die Maschine mit der Verdampfungsquelle zum
Aufbringen der CIS-Schicht auf die Glasplatten
produktionsbereit sein. |
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Noch
ist die Bezeichnung »Reinraum« ein Euphemismus. Gut acht Wochen vor
dem offiziellen Eröffnungstermin der neuen Dünnschicht-Fabrik in
Marbach bei Stuttgart stehen zwar alle nötigen Maschinen an ihren
Plätzen. Aber einsatzbereit ist die Produktionslinie noch nicht;
statt dessen beherrschen Bohrmaschinen und anderes Werkzeug den
Bereich, wo Würth Solar ab dem 19. Juni Solarmodule aus
Kupfer-Indium-Diselenid-Zellen (CIS) herstellen möchte. »Bis dahin
werden wir unsere ersten Module produziert haben, egal ob mit zwei,
sechs oder bereits mit acht Prozent Wirkungsgrad«, unterstreicht
Bernhard Dimmler, einer der beiden Geschäftsführer von Würth Solar.
Dabei
wurde die Firma Würth Solar erst vor knapp einem Jahr im Mai 1999
gegründet: Hauptanteilseigner ist mit 79,5 Prozent die Firma Würth,
ein 30.000 Mitarbeiter umfassendes weltweit agierendes Unternehmen
für Montagetechnik. Die anderen Anteile halten der regionale
Energieversorger Energie Baden-Württemberg (EnBW) mit 20 Prozent und
das Stuttgarter Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung
(ZSW) mit einem halben Prozent. Der Bau der Fabrik begann, nachdem das
Land Baden-Württemberg und der Bund jeweils vier Millionen Mark an
Subventionen für das 30 Millionen Mark teure Projekt genehmigt hatten
(18 Millionen Mark für die Produktionslinie, 12 Millionen für
Gebäudebau und Betriebskosten in den ersten drei Jahren).
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Solar Verlag,
Quelle: ZSW/Würth Solar
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| Ausschnitt
eines CIGS Moduls |
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Das
Fundament für Deutschlands erste kommerzielle CIS-Fabrik wurde jedoch
schon viel früher gelegt: Dimmler arbeitete einige Jahr mit dem
renommierten CIS-Grundlagenforscher Hans Werner Schock zusammen am
Institut für Physikalische Elektronik (IPE) der Stuttgarter
Universität. Am ZSW koordinierte Dimmler dann 1996 als
verantwortlicher Wissenschaftler den Beitrag für die CIS-Technik im
Rahmen der EU-Studie MUSIC FM über die Potenziale zur Kostenreduktion
von Solarzellen durch Massenproduktion. Eine CIS-Modulfabrik mit einer
jährlichen Produktionskapazität von 60 Megawatt sollte laut Studie
zu Modulkosten von 0,60 Euro führen, einem Sechstel der momentanen
Marktpreise für Module mit kristallinem Silizium. Da eine kleine
Gruppe von Würth den Vertrieb der am ZSW entwickelten Wechselrichter
übernommen hatte, kam Firmenchef Adolf Würth unweigerlich auch mit
den Untersuchungen zur CIS-Technik in Berührung. Und die Aussichten
überzeugten Würth, die Kommerzialisierung voranzutreiben.
Der
Energieversorger EnBW – der, so will es die Ironie des Schicksals,
jüngst zu einem Viertel vom französischen Atomstromgiganten
Electricité de France gekauft wurde – stellte ein Gebäude für die
Fabrik zur Verfügung, das in dieser Form vermutlich weltweit einmalig
ist. Anstatt eines modernen High-Tech Industriegebäudes, geschmückt
mit Solarmodulen, findet der Besucher ein altes Kohlekraftwerk aus den
30er Jahren vor. Ein Teil der ehemaligen Turbinenhalle ist nun als
technisches Museum vorgesehen, während eine anschließende neue Halle
für Würth Solars CIS-Modulfabrik den Weg in die saubere
Energiegewinnung des 21. Jahrhunderts zeigen soll. »Der
architektonische Charme war von entscheidender Bedeutung«, erläutert
Karl-Heinz Groß, Würth Solars anderer Geschäftsführer, die
Standortwahl.
Der
Schlüssel zum Erfolg ist das ZSW, Würth Solars kleinster
Gesellschafter. An dem Forschungsinstitut haben Wissenschaftler in den
letzten sieben Jahren den vollständigen CIS-Produktionsprozess im
Miniaturmaßstab entwickelt. »Etwa 80 Prozent unserer Maschinen sind
Eigenentwicklungen des ZSW«, betont Dimmler die Bedeutung des
Instituts, das auch in Zukunft die komplette Forschungs- und
Enwicklungsarbeit für Würth Solar leisten wird.
Der
Traum von Dünnschichtzellen
Bereits
in den 80er Jahren träumten Wissenschaftler von den Potenzialen zur
Kostenreduktion bei der Dünnschichttechnik. Da Dünnschichtzellen im
Unterschied zu den bis zu 350 Mikrometer »dicken« Solarzellen aus
kristallinem Silizium weniger als 10 Mikrometer stark sind, benötigen
sie nur einen Bruchteil an Material. Zudem können die Module in einem
voll automatisierten Verfahren direkt auf gewöhnliches Fensterglas
aufgedampft werden, während kristallines Silizium vergleichsweise
aufwendig als großer Kristallklotz gezogen, dann – bei rund 50
Prozent Materialverlust – in Scheiben gesägt wird, die dann zu
Zellen und Modulen verbunden werden.
Der
erste Hoffnungsträger der Dünnschichttechnik, das amorphe Silizium,
hat die Versprechungen bisher nicht einlösen können. Geringe
Wirkungsgrade, Stabilitätsprobleme und technische Schwierigkeiten
beim Aufbau der Massenproduktion haben Anfang der 90er Jahre fast zum
Exitus dieser Technik geführt.
Und
erst langsam scheinen Firmen wieder Vertrauen in amorphes Silizium zu
setzen: Jüngst hat der japanische Chemiemulti Kaneka eine
20-Megawatt-Produktion begonnen, und der belgische Drahthersteller
Bekaert den Bau einer 25-Megawatt-Fabrik angekündigt.
Der im
letzten Jahr im amerikanischen National Renewable Energy Laboratory in
Denver, Colorado, aufgestellte Weltrekord für CIS-Zellen stellt mit
18,8 Prozent die anderen am weitesten entwickelten
Dünnschichttechniken mit 13 Prozent für amorphes und 16 Prozent für
Cadmium-Tellurid-Zellen in den Schatten. Und das IPE plant gar noch in
diesem Mai die 20-Prozent-Grenze zu knacken. Zwar ist auch bei den
CIS-Solarzellen noch Grundlagenforschung notwendig, um den Prozess zu
verstehen. Von Stabilitätsproblemen wie beim amorphen Silizium ist
diese Technologie jedoch verschont geblieben. Der Pionier der
CIS-Technik Siemens Solar hat für seine in den USA produzierten
Module just im April eine Garantie von zehn Jahren angekündigt.
Die
CIS-Produktion in Marbach
Die CIS
Produktion in Marbach ist von einer Vollautomatisierung weit entfernt:
Lediglich die einzelnen Maschinen sind automatisiert, das Be- und
Entladen erfolgt durch manuell zu transportierende Magazinwagen mit
Kapazitäten für 30 bis 40 Glasscheiben. Dimmler sieht hierin keine
Einschränkung: »Wir brauchen die Flexibilität in der Pilotlinie, um
bestimmte Prozessoptimierungen durchführen zu können. Ziel ist es,
das Prozessfenster so eng wie möglich zu machen, damit wir für die
größere
Produktionsanlage dann genauere Spezifikationen und einfachere
Maschinen haben.« Folglich haben einige der Maschinen weitaus höhere
Jahresproduktionskapazitäten als 1,2 Megawatt, damit Zwischenprodukte
auf Vorrat produziert werden können, um so Raum für
Optimierungsarbeiten zu lassen, oder die Maschinen für mehrere
Produktionsschritte zu benutzen. Die »Waschmaschine« zum Beispiel
vermag ungefähr 100 Quadratmeter Materialfläche pro Stunde zu
säubern, was etwa zehn Megawatt entspräche, und wird für das
Substrat- und das Abdeckglas genutzt.
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Solar Verlag,
Quelle: ZSW / Würth Solar |
| Prinzip
der CIS Ein-Schritt Verdampfung |
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Auf 120
× 180 Zentimeter große Glasplatten, das so genannte Substrat, mit
zwei bis drei Millimetern Dicke wird eine 0,5 Mikrometer
Molybdänschicht als positiver Modul-Rückkontakt aufgebracht. Mittels
eines Lasers wird die
Molybdänschicht teilweise entfernt und so in Streifen unterteilt, von
denen jeder einer Solarzelle entspricht. Während also bei den
gängigen Modulen kristalliner Technik mehrere Solarzellen miteinander
verschaltet werden, bringt man bei der Dünnschichttechnik
verschiedene Schichten auf ein Substrat gewünschter Größe und Form
auf, und teilt diese dann erst später in Solarzellen, die je nach
benötigter Modulspannung unterschiedliche Größen haben. In einem
Ofen werden die Elemente Kupfer, Indium, Gallium und Selen im Vakuum
bei bis zu 1.400 Grad Celsius gleichzeitig verdampft und auf dem bis
zu 550 Grad heißen Molybdän beschichteten Glas als positive
p-Schicht Cu(In,Ga)Se2 abgelagert. Mittels verschiedener analytischer
Geräte kann über Temperatur und Druck das Verhältnis der
verschiedenen Elemente gesteuert werden.
Der
negativ geladene Teil der Solarzelle, die n-Schicht aus Cadmiumsulfid
(CdS), wird in einem chemischen Bad als Lösung abgeschieden. »Diese
Maschine ist einzigartig«, erklärt Dimmler stolz, »eine chemische
Abscheidung im Durchlauf vermag sonst keiner zu machen.« Dass das
toxische Cadmium zu Akzeptanzproblemen bei potenziellen Käufern
führen kann, glaubt Dimmler nicht, die Mengen seien
vernachlässigbar, und das Material sei chemisch beständig. Am ZSW
sind bereits Kleinmodule mit alternativen Chemikalien entwickelt
worden, die Wirkungsgrade sind mit acht bis zehn Prozent allerdings
vergleichsweise gering. »Wenn der Markt es verlangt, können wir die
Maschine binnen zweier Tagen umstellen,« sagt Dimmler, der im Moment
mit dem Aufbau der Produktion ganz andere Sorgen hat. In einem zweiten
Strukturierungsschritt werden die p- und die n-Schicht miteinander
verbunden. Danach wird in einer Sputtermaschine, wie sie auch in der
Glasindustrie zum Aufbringen verschiedener Materialien für Isolier-
oder Sonnenschutz verwendet wird, das Zinkoxid (ZnO) als vorderer
negativer Modulkontakt aufgebracht. Ein dritter und letzter
Strukturierungsschritt trennt die ZnO-Schicht in die gewählte
Solarzellengröße.
Module
ab August
Bereits
für August hat Würth Solar den Verkauf der ersten Module
angekündigt. Eine vielleicht etwas vorschnelle Entscheidung, wo doch
bekannt ist, dass selbst ein Modulhersteller altbekannter kristalliner
Siliziumtechnik, wie ASE in Alzenau, weit über ein Jahr gebraucht
hat, um seine neue Zellproduktionslinie richtig ins Laufen zu bringen.
Wie dem auch sei, das Progamm soll zu Anfang CIS-Module mit Leistungen
von 6, 9, 13, 18, 28, 43 und 57 Watt und Wirkungsgraden zwischen 6,7
und 8 Prozent enthalten (siehe CD ROM »Modulübersicht 2000«). Das
57-Watt-Modul als das größte der Standard Produkte, wird eine
Fläche von 60 × 120 Zentimeter bemessen, so dass drei dieser Module
aus der 180 Zentimeter breiten Glasplatte geschnitten werden können.
Obwohl Würth Solar auch einige wenige Demonstrationsprojekte auf
Dächern realisieren möchte, peilt das Unternehmen den Markt für
Kleinanwendungen wie solar betriebene Batterieladegeräte oder
ähnliches an. »Bei einer Kapazität von
1,2 MW kann die Dünnschichttechnik vom Preis her nicht mit Silizium
konkurrieren«, erklärt Dimmler die Produktfokussierung auf die
Kleinanwendungen, wo weitaus höhere Preise gezahlt werden als die
gängigen rund sieben Mark pro Watt für Standardmodule. Und er fügt
hinzu, dass Kosten von rund drei Mark pro Watt für CIS-Module erst ab
einer jährlichen Produktionskapazität von zehn Megawatt »vollkommen
automatisiert und mit einer 90-prozentigen Auslastung« zu erwarten
seien.
Der Bau
dieser 10-MW-Fabrik ist bereits geplant. Die 1,2-Megawatt-Pilotanlage
mit ihrer flexiblen Struktur wird dann ausschließlich zur Fertigung
von kundenspezifischen Modulanfertigungen genutzt, während mit der
10-MW-Linie großflächige Standardmodule produziert werden sollen.
Wann und wo die neue Anlage entsteht ist noch nicht sicher. »Wenn wir
Glück haben, sind wir im Laufe des nächsten Jahres soweit, dass wir
die Entscheidung fällen. Wenn wir Pech haben, wird es vielleicht ein
Jahr länger dauern«, sagt Groß, der davon ausgeht, dass von der
Entscheidung bis zur Inbetriebnahme nicht länger als ein Jahr
vergehen wird.
Michael
Schmela
© PHOTON, 25. April 2000
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Solar Verlags
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