 Stromkonzerne kassieren eine halbe Milliarde Euro durch überhöhte EEG-Umlage
02.02.2004: Einen massiven Missbrauch der so genannten EEG-Umlage prangern Vertreter der Erneuerbare-Energien-Branche an. Knapp eine halbe Milliarde Euro hätten die Stromversorger im letzten Jahr zu viel kassiert. Doch anstatt das Geld schnellstmöglich zurückzugeben, wollen sie das dubiose Rechenspiel offenbar wiederholen.
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© ENERTRAG Managment AG |
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Flaute: Das schlechte Windjahr 2003 war der Hauptgrund dafür, dass weniger EEG-Strom als erwartet ins Stromnetz eingespeist wurde. |
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»Mit aller Schärfe« weist der Verband Deutscher Netzbetreiber (VDN) die Vorwürfe zurück, die unter seinem Dach vereinten Unternehmen
»würden sich am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bereichern«. Auslöser der am 23. Januar verbreiteten Erklärung waren in der Woche zuvor veröffentlichte Berechnungen des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) und des Bundesverbandes Windenergie (BWE), denen zufolge die deutschen Stromkunden im letzten Jahr rund eine halbe Milliarde Euro zu viel für die so genannte EEG-Umlage gezahlt haben. Auch wenn dies für den Normalverbraucher nur wenige Cent ausmacht: Bei Großkunden stehen durchaus stattliche Beträge in Rede, und für die Lobbyverbände geht es außerdem natürlich ums Prinzip. Schließlich
– dies war auch der Auslöser der BEE-Pressemitteilung – nennen die Stromversorger geradezu gebetsmühlenartig das EEG als einen Hauptgrund für ihre jüngsten Preiserhöhungen.
Norbert Allnoch, Geschäftsführer des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien, wundert sich dennoch über die erboste Reaktion des
VDN: »Da wehrt sich der Falsche.« Wenn die Vorwürfe zuträfen, verbliebe das zu Unrecht kassierte Geld nicht bei den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB), sondern bei den nachgelagerten Stromhändlern und Energieversorgungsunternehmen (EVU). Allerdings ist der VDN für die nach Ansicht der Erneuerbare-Energien-Verbände falschen Berechnungen zuständig, aus denen das Problem resultiert.
Die von den Netzbetreibern an die Lieferanten von Ökostrom gezahlten erhöhten Einspeisevergütungen werden über eine Quote auf alle Kunden umgelegt. Beträgt diese Quote, also der Anteil des Stroms aus Anlagen, die nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert sind, an der insgesamt verbrauchten Menge beispielsweise fünf Prozent, dann muss jeder Stromkunde in Deutschland für fünf Prozent seines Verbrauchs einen Aufschlag zahlen, der sich aus der Preisdifferenz zwischen konventionellem und EEG-Strom errechnet. Allerdings wird diese Umlage nicht nachträglich, sondern im Voraus auf Grund von Prognosen kalkuliert. Es gilt also erstens die Gesamtmenge des verbrauchten Stroms, zweitens den durchschnittlichen Beschaffungspreis, drittens die Einspeisemengen aus EEG-Anlagen und viertens deren durchschnittliche Vergütung vorauszusagen. Für das Jahr 2003 haben sich der VDN und die Stromhändler mit ihrer Prognose offenbar gehörig vertan.
Letztere setzten als durchschnittlichen Beschaffungspreis für herkömmlichen Strom niedrige 2,55 Cent pro Kilowattstunde (Cent//kWh) an. Dies erwies sich als falsch, der Mittelwert an der Leipziger Strombörse lag bei rund drei Cent. Gleichzeitig ging der VDN von 31,2 Terawattstunden (TWh) EEG-Strom aus und kalkulierte hierfür mit einer durchschnittlichen Vergütung von 8,96 Cent/kWh, die sich gemäß den Anteilen der verschiedenen Energieträger Wind, Wasser, Biomasse und Sonne mit ihren unterschiedlichen EEG-Vergütungen ergibt. Auch diese Schätzung erwies sich jedoch als falsch und musste im Laufe des Jahres auf 8,91 Cent/kWh herabgesetzt werden. Vor allem aber lag die eingespeiste Gesamtmenge mit 26 TWh weit unter der VDN-Prognose. Zwar hatten die Netzbetreiber ihre Schätzung im letzten Quartal 2003 erheblich nach unten korrigiert und gingen nunmehr noch von 29,4 TWh Jahresmenge aus, doch auch das war nach den BEE-Berechnungen noch um rund 3,4 TWh zu hoch gegriffen.
Ein wichtiger Grund für die Differenz ist der überaus geringe Ertrag der deutschen Windkraftwerke. Seit 1990 ermittelt der BWE den Durchschnitt von 25 Messstandorten, und noch nie war das Ergebnis so schlecht wie 2003. Es lag im Vergleich zum Mittelwert der letzten 13 Jahre bei gerade 80 Prozent. Insgesamt stieg die eingespeiste Strommenge gegenüber 2002 zwar dennoch von 15,86 auf rund 18 TWh, doch selbst die nach unten korrigierte VDN-Kalkulation ging noch von 19,9 TWh Windstrom aus. Für die EEG-Umlage wurden also knapp zwei Terawattstunden zu viel berechnet.
Von der Differenz zwischen ursprünglicher und korrigierter Prognose haben die Netzbetreiber nichts, versichert der VDN: Die ÜNB überwiesen
»aufgetretene Differenzen über angepasste Quoten an die Stromhändler zurück». Doch abgesehen davon, dass sie mit besagter Anpassung eben immer noch der Realität hinterher hinken, haben die Endabnehmer ihr zu viel gezahltes Geld deshalb ja noch immer nicht wieder. Jedenfalls ist nirgendwo bekannt geworden, dass die Strompreise wegen der niedriger als erwartet ausgefallenen EEG-Umlage reduziert worden wären:
»Da ist normaler Strom geliefert, aber als EEG-Strom berechnet worden», sagt BEE-Sprecher Milan Nitzschke.
Astrid Fischer, Sprecherin des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), sieht zwar die Differenz zwischen Vorausschau und Realität–
darin indes kein wesentliches Problem: »Die Prognose für das nächste Jahr enthält die Korrektur für das jeweils
vorherige.« Was also in 2003 zu viel gezahlt wurde, werde bei der Umlagenberechnung 2004 abgezogen. Manche Großabnehmer hätten in ihren Lieferverträgen auch eine gesonderte Erstattung vereinbart. Für die geringen Beträge, die bei Haushaltskunden anfallen, lohne sich das aber nicht.
Es gäbe also Grund, sich über die Prognose für 2004 zu streiten. Nach Auffassung des BEE sind die Stromkonzerne aber weit davon entfernt, die EEG-Umlage in diesem Jahr um den 2003 über Gebühr erhobenen Betrag zu senken–
im Gegenteil: Der Prognose 2004 liegt eine Steigerung der EEG-Strommenge auf rund 36,5 TWh zu Grunde, was selbst gegenüber der VDN-Schätzung von 29,4 TWh für 2003 einem Zuwachs von stattlichen 25 Prozent gleichkäme. Vor allem aber wurde mit einem Strommarktpreis von nur 2,5 Cent/kWh kalkuliert. Als realistischer Wert gelten 3,5 Cent. Die Differenz zum Ökostrom, so der Vorwurf der Erneuerbare-Energien-Branche, wird also weiter willkürlich hochgerechnet.
Das letzte Wort zu den aktuellen Meinungsverschiedenheiten wird jedoch
noch auf sich warten lassen. Bis zum April soll zwar eine erste überschlägige Jahresabrechnung der Netzbetreiber für 2003 vorliegen. Wirkliche Klarheit bringt indes erst das von Wirtschaftsprüfern testierte Endergebnis
– und das ist nicht vor Anfang 2005 zu erwarten.
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