Sonne im Regen: 
Die Werbekampagne der Deutschen Steinkohle AG

 

© Deutsche Steinkohle AG

Na also: Die Deutsche Steinkohle AG wirbt für Sonnenenergie.

 

»Wir haben eine Sonnenenergie, die auch bei Regen funktioniert.« Endlich stellt das mal jemand klar. Es wäre natürlich Aufgabe der Wissenschaft gewesen, diesen Sachverhalt einer noch immer ahnungslosen Öffentlichkeit zu erläutern. Aber die Herren und Damen Professoren salbadern ja lieber in einem fort über den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kohlendioxid.

Nun also hat die Deutsche Steinkohle AG (DSK) das Heft in die Hand genommen und streitet mit einer groß angelegten Kampagne für die korrekte Klassifizierung ihres Produkts, der Sonnenenergie nämlich. Steinkohle, erläutert uns die DSK, »ist entstanden aus der Kraft der Sonne». Dies wird kein Mensch ernsthaft bestreiten. Nur weil die Umwandlung von toten Pflanzen und Tieren zu kohlenstoffhaltigem Brennmaterial jetzt schon ein paar Millionen Jahre her ist, muss man schließlich nicht gleich das Wesentliche des Prozesses aus den Augen verlieren.

Der herkömmlichen Sonnenenergie ist das DSK-Produkt überdies konzeptionell überlegen. Man muss es nicht umständlich mittels aufwändiger Technik vom Himmel holen, sondern einfach nur ausgraben. »Nachhaltig und umweltschonend», wie nicht oft genug betont werden kann. Die öffentliche Debatte rückt das Geschehen bisweilen ja in ein etwas schiefes Licht: Kein Mensch macht sich zum Beispiel Gedanken darüber, dass Photovoltaikmodule oder Solarkollektoren als komplexe Werkstoffverbünde gar nicht so leicht zu entsorgen sind, während ein Kohlebergwerk in dieser Hinsicht bekanntermaßen unproblematisch ist. Sieht ja schließlich keiner.

Und vor allem, dies ist nicht ohne Grund die Kernaussage eines der vier Kampagnen-Motive, funktioniert die Sonnenenergie der DSK eben auch bei Regen. Insbesondere bei Geldregen. Glatte 3,4 Milliarden Euro aus den Kassen des Bundes und den Staatshaushalten von Nordrhein-Westfalen und Saarland verkraftete der zuverlässige und belastbare Wirtschaftszweig im letzten Jahr. Und zwar mühelos, obwohl der DSK-Mutterkonzern RAG mit der heimischen Steinkohleförderung nur etwa 2,93 Milliarden Umsatz erzielte. Einen derart nachhaltigen Umgang mit Geld müssen andere Wirtschaftszweige erst noch erlernen.

Der RAG ist es zum Beispiel gelungen, den Abbau von etwa 4.000 Arbeitsplätzen im vergangenen Jahr für die öffentliche Hand beinahe kostenneutral zu bewerkstelligen, und sie wird auch den darüber hinaus geplanten Abbau von weiteren 13.000 Jobs bis 2005 aus eigenen Mitteln finanzieren, wie sie mit berechtigtem Stolz mitteilt. Wer nun einwendet, diese eigenen Mittel seien noch öffentliche gewesen, bevor sie in Form von Subventionen den Besitzer wechselten, hat das Prinzip nicht verstanden. Der wird auch nicht verstehen, warum Steinkohle nichts anderes ist als gespeicherte Sonnenenergie und sollte sich lieber raushalten.

Es gibt indes zum Glück noch Leute, die weniger begriffsstutzig sind und deshalb an die Zukunft der Steinkohle glauben. SPD-Fraktionschef Franz Müntefering zum Beispiel, der erst kürzlich bei einem Besuch des Bergwerkes Walsum die dortigen Gegner der DSK-Sonnenenergieförderung aufforderte, »sich aus ihren Schützengräben heraus zu bewegen« und mit »offenen, ehrlichen Argumenten« zu begründen, warum in aller Welt sie keinen Bergbau vor, respektive unter ihrer Haustür haben wollen. Schließlich ist Walsum laut Müntefering »ein Bergwerk, das Zukunft hat und auch haben soll« und über eine Betriebsgenehmigung bis 2019 verfügt, während die Steinkohle-Subventionen nur bis 2005 gesichert sind, oder höchstens noch bis 2012. 

Damit haben die Anwohner größte Chancen, demnächst eine Art Behörde und also einen denkbar verlässlichen Arbeitgeber in der Region zu haben. Das hat RAG-Chef Werner Müller, der sich als früherer Wirtschaftsminister ja bestens auskennt, selbst gesagt: Man werde darüber nachdenken müssen, »ob die deutsche Steinkohle immer unter dem Dach des RAG-Konzerns bleiben muss« oder ob es stattdessen nicht besser wäre, das einzige Unternehmen, das sich hier zu Lande mit dem Unter-Tage-Abbau von Sonnenenergie befasst, zu verstaatlichen. Mit einer derart feinsinnigen Strategie käme obendrein das leidige Thema Subventionen endlich vom Tisch. So und nicht anders, möchte man den ewigen Nörglern zurufen, macht man nachhaltig Wirtschafts- und Arbeitsmarkpolitik.

Die RAG könnte sich dann außerdem endlich ganz ihrem Geschäftsfeld Internationaler Bergbau widmen, auf dem sie in Australien, Russland und der Ukraine, in Malaysia, Indien, Südafrika, Kolumbien und an vielen anderen Standorten täglich beweist, welch unschätzbaren Vorteil die Versorgungssicherheit durch den heimischen Energieträger Steinkohle der deutschen Wirtschaft zu bieten hat. Niemand weiß das mehr zu schätzen als die großen Energieversorger, die sich darum auch solidarisch an der ungeheuren Verantwortung beteiligen – allen voran die Eon AG, die immerhin 40 Prozent an der Last des RAG-Konzerns zu tragen hat. Da ist es nur recht und billig, wenn ihr die Kohle für ihre Kraftwerke mittels staatlicher Zuschüsse ein wenig günstiger gelassen wird.

Immerhin, auch das stellt die längst überfällige Sonnenenergie-Kampagne der Steinkohle AG klar, ist dies ja auch und vor allem ein Beitrag zum Klimaschutz. Schließlich wird es »zukünftig« einmal Kraftwerke geben, die Steinkohle emissionsfrei verarbeiten können. Jedes Windrad, jede Kilowattstunde Strom aus Wasserkraft und jede Photovoltaikanlage entfernt uns mithin vom langfristigen Ziel einer wirklich nachhaltigen Energiewirtschaft. Und selbst mittelfristig lässt sich das enorme Potenzial zur CO2-Reduzierung fossiler Kraftwerkstechnik, das uns etwa durch innovative Filtertechnik oder Erhöhung von Wirkungsgraden offen steht, natürlich nur dann erschließen, wenn wir nicht zu früh zu viel Strom aus anderen Energiequellen erzeugen.

All diese Möglichkeiten wollen Solarkonzerne und Windkraftbarone verschenken. Es war also wahrhaftig allerhöchste Zeit, auf die wahren Sachverhalte, die enorme umweltpolitische Bedeutung der Steinkohle und, natürlich, auch die vielen mit ihrer Hilfe langfristig gesicherten Arbeitsplätze hinzuweisen. Eigentlich, möchte man noch hinzufügen, wäre dies nicht Aufgabe der Deutschen Steinkohle AG, sondern des Staates gewesen. Schließlich zahlt er ja auch dafür.

 

Jochen Siemer
© PHOTON, 17. Oktober 2003
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Solar Verlags

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