
Offener Brief von Franz Alt an Edmund
StoiberLieber
Edmund Stoiber,
soeben haben die Chefmathematiker der Münchner Rückversicherung diese
Zahlen publiziert: Wenn der Schadensverlauf witterungsbedingter
Naturkatastrophen - wie zum Beispiel vor kurzem in Berlin und
Brandenburg - weiter so steigt wie in den letzten 20 Jahren, dann werden
in 60 Jahren die klimabedingten Schäden global höher sein als das
gesamte weltweite Bruttosozialprodukt. Was aber sagt der deutsche
Kanzlerkandidat zu dieser wohl wichtigsten politischen Herausforderung
in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts?
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© Caren
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Franz Alt
war von 1962 bis 1988 CDU-Mitglied. Der frühere
»Report«-Moderator moderiert heute das 3Sat-Magazin
»Grenzenlos«. |
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An der Ursache
dieses Problems ist Deutschland, dessen Kanzler Sie werden wollen, als
drittgrößte Industriemacht ganz wesentlich beteiligt. Warum schieben
Sie diese zentrale Überlebensfrage der Menschheit so sehr an den Rand
Ihrer Politik? Wo sind Ihre Konzepte zum Klimaschutz? Warum heizen sie
der rot-grünen Bundesregierung nicht ein, wenn es demnächst heißer zu
werden droht als je zuvor in den letzten 16.000 Jahren? Im Schlafwagen
regiert sich's schlecht, Herr Stoiber.
Millionen Wähler in Deutschland spüren: Sowohl der Kanzler wie auch
Sie als Herausforderer haben ihr Thema noch nicht gefunden. Dieser
Wahlkampf ist deshalb zum Gähnen langweilig und im Angesicht der
weltweiten ökonomischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen
beschämend provinziell, weil eine rot-grüne Bundesregierung in ihren
Schwerpunkten weder rot (= sozial) noch grün (= ökologisch) ist und
die Opposition inhaltlich in wesentlichen Fragen ein Totalausfall.
Noch nie seit 1949 war ein Bundestagswahlkampf so fad und inhaltsleer
wie dieser. Es stoibert und schrödert - und sonst gar nichts!
Dass eine Bundesregierung im Wahlkampf verteidigt, überrascht nicht
weiter. Dass aber ein Herausforderer ein „Kompetenzteam“ vorstellt und
wenige Wochen vor der Wahl noch nicht einmal einen kompetenten Namen
für das Umweltministerium vorzuweisen hat, ist für Millionen Wähler
einfach unbegreiflich. Schon deshalb, weil Sie mit Klaus Töpfer als
UN-Umweltchef einen der kompetentesten und international
anerkanntesten Umweltpolitiker in Ihren Reihen haben.
Ach wären die Konservativen unter Edmund Stoiber doch endlich
konservativ und würden nicht nur von der »Bewahrung der Schöpfung«
reden, sondern konservativen Wählern wie mir endlich konkret und
praktisch sagen, wie eine zukunftsweisende ökologische Wirtschaft
aussehen und wer sie gestalten soll. Es geht um das Schicksal der
Erde.
Lieber Edmund Stoiber, zur Zeit sterben täglich bis zu 100 Tier- und
Pflanzenarten aus. Wir blasen weltweit jeden Tag 100 Millionen Tonnen
Treibhausgase in die Luft; wir verlieren täglich 86 Millionen Tonnen
fruchtbaren Boden und wir werden pro Tag 220.000 Menschen mehr auf
diesem Planeten. Ich frage Sie zu dem gerade statt findenden
„Erdgipfel“ in Johannesburg, den Ihr Parteifreund Klaus Töpfer
entscheidend vorbereitet hat: Wo, um Himmels willen, ist das
Umweltkonzept der sich christlich nennenden Parteien in diesem
Wahlkampf? Stimmt es, wie aus Ihrer Umgebung zu erfahren war, dass Sie
beabsichtigen, das Umweltministerium abzuschaffen?
Werden Sie die erneuerbaren Energien fördern? Gibt es mit Ihnen als
Kanzler eine konsequentere ökologische Steuerreform als unter rot-grün
wie sie auch Klaus Töpfer fordert? Schaffen Sie eine ökologische
Bauwende, die der daniederliegenden Baubranche endlich zum Aufschwung
verhelfen könnte? In Deutschland warten 20 Millionen Gebäude darauf,
energetisch saniert und zu kleinen Solarkraftwerken umgerüstet zu
werden. Das wären eine halbe Million neue Arbeitsplätze.
Gerhard Schröder versucht über Herrn Hartz am Arbeitsmarkt Heilung
durch Statistik. Was aber halten Sie von Klaus Töpfers Devise
»Umweltschutz ist kein Arbeitsplatzkiller, sondern der
Arbeitsplatzknüller im 21. Jahrhundert«?
Allein durch Erneuerbare Energien sind seit 1992 in Deutschland
120.000 neue Arbeitsplätze entstanden. In dieser Branche steckt
bereits viel ökonomische Dynamik. Die Solar- und Windbranche in
Deutschland zeigt: Durch grüne Ideen lassen sich schwarze Zahlen
schreiben. Werden Sie diese unter rot-grün erfolgreich begonnene
Politik konsequent weiterführen? Edmund Stoiber, verschlafen Sie nicht
das beginnende Solarzeitalter. Kohle, Gas, Öl und Atomenergie sind
Auslaufmodelle. Es gibt atomare und fossile Rohstoffe nur noch einige
Jahrzehnte, sagt der Weltenergierat. Wollen Sie allen Ernstes die
vorgestrige und gefährliche Atomenergie reaktivieren und Dutzende neue
AKWs bauen? Auf diese Frage hätte ich gerne eine präzise Antwort. Ein
seriöser Kanzlerkandidat ist uns Wählern diese Antwort schuldig. 1950
mussten sechs Prozent der Energieverbräuche nach Deutschland
importiert werden - heute sind es bereits 74 Prozent - häufig aus
„Schurkenstaaten“ (George W. Bush). Wie, Edmund Stoiber sieht Ihr
Energiekonzept aus?
Sagen Sie es laut und deutlich, damit in Deutschland wieder Lust auf
Politik und Vorfreude auf Wahlen wächst,
Ihr Franz Alt
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