Der Deckel bleibt

Die 350-Megawatt-Grenze des EEG fällt frühestens im nächsten Jahr
 

Hans-Josef Fell wollte noch die allerletzte Chance nutzen. »Wenn wir es in der ersten Mai-Sitzungswochen nicht schaffen, dann ist es wohl vorbei«, räumte allerdings auch der forschungspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag ein.

Jetzt ist es vorbei. Am 15. Mai lief die Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes im Berliner Parlament ohne besondere Vorkommnisse ab - vor allem ohne die bei dieser Gelegenheit mögliche Verabschiedung eines so genannten Artikelgesetzes, mit dem neben dem eigentlich zur Debatte stehenden Paragraphenwerk auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hätte geändert werden können. Dieser Punkt war nämlich zumindest für die Vertreter der Photovoltaik-Branche das eigentlich heiße Thema (PHOTON 5/2002).

Fell und seine energiepolitischen Freunde in der Regierungskoalition hatten ebenso wie Vertreter von Industrie und Handwerk gehofft, noch vor der parlamentarischen Sommerpause einige Korrekturen am EEG anbringen zu können. Für die Solarstromnutzung stand dabei der »350-Megawatt-Deckel« im Vordergrund. Die etwas saloppe Formulierung umschreibt die Bestimmung aus Paragraph 8 Absatz 2 EEG, wonach die Vergütungspflicht der Energieversorgungsunternehmen (EVU) für Strom aus denjenigen Photovoltaikanlagen entfällt, »die nach dem 31. Dezember des Jahres in Betrieb genommen werden, das auf das Jahr folgt, in dem Photovoltaikanlagen, die nach diesem Gesetz vergütet werden, eine installierte Leistung von insgesamt 350 Megawatt erreichen«. Der Bundestag muss zuvor eine Anschlussregelung treffen, die »eine wirtschaftliche Betriebsführung unter Berücksichtigung der inzwischen erreichten Kostendegression« gewährleistet.

Mit dieser Konstruktion soll vermieden werden, dass die bei in Kraft Treten des EEG im April 2000 festgelegten 99 Pfennig pro Kilowattstunde (mit jährlich 5 Prozent Degression ab Januar 2002) auch dann noch gezahlt werden müssen, wenn sich Solarstrom für weit geringere Beträge produzieren lässt. So weit ist es indes noch nicht, selbst Branchen-Lobbyisten geben unumwunden zu, dass Photovoltaik noch für längere Zeit auf weit höhere Ausgleichszahlungen angewiesen bleiben wird als Windkraft oder andere regenerative Energieträger.

Gleichzeitig stehen Investitionen an. Pläne für weitere Modul- und Zellfabriken und sogar die Fertigung von Reinsilizium liegen in den Schubladen. Wer sich das für derartige Vorhaben nötige Kapital besorgen möchte, muss natürlich halbwegs verlässliche Prognosen zur Entwicklung des Marktes abgeben können. Weil aber nach allgemeiner Erwartung im nächsten Jahr 350 Megawatt an Photovoltaik-Leistung installiert sind und damit ab 1. Januar 2005 keine Regelung zur Vergütung mehr besteht, ist dies nur bedingt möglich. »Die Leute, die Produktionsanlagen planen, sollen jetzt wissen, wie es weiter geht«, fordert deshalb der SPD-Bundestagsabgeordnete und Eurosolar-Präsident Hermann Scheer. Der Vorsitzende der Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft, Carsten Körnig, beurteilt die Lage ähnlich: »Es gibt durchaus Banken, die auf den 350-Megawatt-Deckel aufmerksam geworden sind. Insofern ist er schon jetzt ein Investitionshindernis.«

Bis zuletzt setzten sich deshalb Hans-Josef Fell, Hermann Scheer und andere Photovoltaik-Fürstreiter aus der Koalition bei Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (SPD), dafür ein, den Deckel vorzeitig zu lüpfen. Wenn nämlich vor der Wahl nichts mehr läuft, ist der Zug für dieses Jahr abgefahren: im Juli und August finden keine Bundestagssitzungen statt, im September steht der Urnengang an, im Oktober wird die konstituierende Sitzung erfolgen und im November nehmen dann die Ausschüsse ihre Arbeit auf. Bliebe also noch der Dezember für eine Gesetzesänderung, und das reicht in keinem Fall. »In vier Wochen«, so Scheer, »kann man das nicht machen.« Was der SPD-Politiker nicht sagt, aber alle denken: Die knappe Zeit könnte für eine vernünftige Anschlussregelung zur Einspeisevergütung ein weit geringeres Problem sein als die nach der Wahl womöglich geänderten Mehrheitsverhältnisse im Parlament.

Das Wirtschaftsministerium hält sich trotzdem an den vorgegebenen Fahrplan. Demnach wird es am 30. Juni gemeinsam mit den Kollegen aus dem Umweltressort einen Bericht an den Bundestag abgeben, auf dessen Grundlage die Abgeordneten weitere Entscheidungen treffen sollen - was sie mit Sicherheit erst im nächsten Jahr tun werden. Dieses Verfahren befürwortet im übrigen auch der grüne Umweltminister Jürgen Trittin, wenngleich er seine strikte Ablehnung einer vorzeitigen EEG-Novelle dem Vernehmen nach in jüngster Zeit relativiert hatte.

Die Verantwortlichen im Wirtschaftsministerium verstehen ohnehin nicht, was an dem Problem so drängend sein soll. »Ob der 350-Megawatt-Deckel im August oder Dezember 2003 erreicht wird, ist völlig unerheblich«, meint Andreas Jung, Abteilungsleiter Erneuerbare Energien im Hause Müller. Schließlich werde in jedem Fall das ganze Folgejahr über jede neue Anlage in den Genuss der jetzigen Vergütungsregelung kommen. Das sei Zeit genug. Darüber hinaus werde auch das Bundeswirtschaftsministerium in seinen Empfehlungen klar machen, dass der 350-Megawatt-Deckel schnellst möglich weg muss. In der Sache scheint es also keinen Dissens zu geben, sondern nur in der Frage, was wohl unter »schnellst möglich« zu verstehen ist.
 


 

 Jochen Siemer
© PHOTON, 18. Mai 2002
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Solar Verlags