
Zehn Megawattstunden
Solarstrom für Berlin?
Vor über zwei Jahren beschloss das
Berliner Abgeordnetenhaus eine Solarstromquote beim öffentlichen
Stromeinkauf. Diese müsste bei der bevorstehenden Entscheidung für einen
neuen Energieversorger berücksichtigt werden – doch der Senat will von
Beschluss der Vorgängerregierung jetzt nichts mehr wissen.
Zum ersten Oktober sucht das Land
Berlin per europaweiter Ausschreibung einen neuen
Elektrizitätslieferanten für seine zahlreichen Immobilien. Die
Beratungsfirma Da.V.i.D. AG werkelt im Auftrag der
Senatsfinanzverwaltung bereits an den Ausschreibungsunterlagen. »Mitte
April soll der Text fertig sein«, sagt die zuständige Mitarbeiterin
Sabine Siebald.
In der äußerst knappen Zeit muss somit auch eine Frage geklärt sein,
die für die Photovoltaikindustrie weit über Berlin hinaus von größter
Bedeutung ist: Wie geht der Senat mit einem Abgeordnetenhausbeschluss
vom September 1999 um, wonach das Land seinen Elektrizitätsbedarf zu
mindestens 40 Prozent aus Kraft-Wärme-Kopplung decken und außerdem den
Anteil regenerativer Energieträger um jährlich zwei Prozent steigern
soll? Von diesen zwei Prozent soll nämlich, so der Beschluss weiter,
mindestens ein Drittel aus Berliner Solarstromanlagen kommen. Das
wären bei einer voraussichtlichen Abnahme von einer bis anderthalb
Terrawattstunden pro Jahr also schon im ersten Jahr bis zu zehn
Megawattstunden.
»Meine Befürchtung ist, dass zwar die Quote für regenerative Energien
erhalten bleibt, nicht aber die für Solarstrom«, sagt Carsten Körnig,
Geschäftsführer der Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft (UVS).
Anhaltspunkt ist für ihn die Koalitionsvereinbarung der
Regierungsparteien SPD und PDS, die den Zwei-Prozent-Anteil
ausdrücklich bestätigt, aber nur vage von einem »jährlich steigenden
Anteil« aus Berliner Solarstromanlagen spricht. Einen Antrag der
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus, die Ökostrom-Quote
von anfangs fünf um jährlich zwei Prozent zu steigern und den
Solarstromanteil »in den nächsten zwei Jahren zu verdreifachen«,
verwies die rot-rote Mehrheit Anfang des Jahres in die Ausschüsse.
Wie von dort rechtzeitig klare Vorgaben an die Da.V.I.D. AG gelangen
sollen, bleibt ein Rätsel. Angeblich, so die Grünen-Abgeordnete Lisa
Paus, prüft der Senat unter anderem wettbewerbsrechtliche Probleme,
weil SPD, PDS und Grüne gleichermaßen den völligen Verzicht auf
Atomstrom fordern. Vor allem aber seien finanzielle Bedenken geltend
gemacht worden. Am 6. März verabschiedete ausgerechnet der
Umweltausschuss eine Vorlage, in der jegliche Quantifizierung für den
Anteil von Solarstrom fehlt. Mit welcher Begründung ein rot-roter
Senat nun womöglich hinter die – von seiner CDU-SPD-Vorgängerregierung
ausdrücklich anerkannte – Beschlusslage des Landesparlaments und den
selbst ausgehandelten Koalitionsvertrag zurückrudert, wird mit
Spannung erwartet.
Weitere Informationen
Da.V.i.D. AG
Telefon 030 / 61 78 99-30
www.david-ag.de
Jochen Siemer
© PHOTON, 07. März 2002
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Solar Verlags
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