
100.000-Dächer-Programm
– ein riesiger Trümmerhaufen?
Wirtschaftsministerium
zieht am 3. April die Notbremse: 10.000 Anträge bleiben unbearbeitet
Das
100.000-Dächer-Programm der Bundesregierung zur Förderung von
Solarstromanlagen ist seit Anfang April faktisch außer Kraft gesetzt.
Nachdem bereits 34,9 Megawatt bewilligt worden sind – 25 Megawatt
davon allein in diesem Jahr – zog das Wirtschaftsministerium die
Notbremse und verbot der Kreditanstalt für Wiederaufbau jegliche
weiteren Zusagen. Seitdem stapeln sich bei der mit der Durchführung
des Programms betrauten Staatsbank die unbearbeiteten Anträge. Am 10.
Mai soll entschieden werden, wie es weitergeht.
Der 3. April war ein
schwarzer Montag für die Mitarbeiter der Kreditanstalt für
Wiederaufbau (KfW). An diesem Morgen verhängte das
Bundeswirtschaftsministerium ohne jede Vorwarnung einen Zusagestopp für
das 100.000-Dächer-Programm. Noch am Freitag zuvor hatte die KfW
absprachegemäß allen Interessenten den Tipp gegeben, bis Mitternacht
einen Antrag zu faxen und die vollständigen Unterlagen innerhalb von
acht Tagen nachzureichen. Dann würde der Antrag noch nach den ursprünglichen
Konditionen bewilligt: 100-prozentige Finanzierung der
Investitionssumme über einen Null-Zins-Kredit bei zwei tilgungsfreien
Jahren und dem Erlass der letzten beiden Ratenzahlungen. Diese
Empfehlung hatten wir auch über unsere Homepage weitergegeben.
Tausende kamen
dieser Aufforderung nach und reichten Anträge ein. Eine genaue Zahl
ist nicht bekannt, auch nicht, welche Investitionssumme angefragt
worden ist. Denn als am 3. April der Zusagestopp verhängt wurde,
waren noch längst nicht alle März-Anträge bearbeitet.
KfW-Mitarbeiter schätzen die Zahl der unbearbeiteten Anträge auf
mittlerweile 15.000. Dieser unverhoffte Erfolg ist in erster Linie auf
das neue Einspeisungsgesetz zurückzuführen, das – seit 1. April in
Kraft – für jede ins Stromnetz eingespeiste Kilowattstunde
Solarstrom 99 Pfennig Vergütung garantiert.
Ein Erfolg, der die
Beamten im Wirtschafts- und Finanzministerium offenbar völlig überfordert
hat. Schließlich war noch im Vorjahr das 100.000-Dächer-Programm ein
Ladenhüter und das Ziel, »100.000 Solarstromanlagen innerhalb von
sechs Jahren« zu bauen, schien äußerst unrealistisch. Entsprechend
knapp waren die im Bundeshaushalt vorgesehenen Mittel. 180 Millionen
Mark sollten allemal ausreichend sein, befand das Finanzministerium
– eine Summe, die allein durch die bisher bewilligten Anträge schon
aufgezehrt ist. Was mit den 10.000 bis 15.000 Anträge geschieht, die
allein bis Ende April eingegangen waren, soll am 10. Mai bei einem
Treffen der KfW mit Vertretern des Finanz- und Wirtschaftsministeriums
geklärt werden.
Bis dahin müssen
die KfW-Mitarbeiter die Antragsteller vertrösten, die allerdings kein
Verständnis für diesen Rückzieher aufbringen. Auch seien schon die
ersten Briefe von Rechtsanwälten da, die auf die Einhaltung der
Zusagen bestehen. »Wir sind jetzt die bad guys«, ärgert sich ein
Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden möchte. Auch er hält
den Umgang mit den Antragstellern »für einen Skandal«, beteuert
aber die Unschuld der KfW: »Wir führen hier nur aus, was das
Bundeswirtschaftsministerium sagt.«
Dort laufen daher auch die Telefone heiß, denn die KfW gibt die
Nummer der Zentrale (siehe am Ende dieses Beitrages) auf Wunsch gern
heraus: »Beschweren Sie sich dort«. Im Referat Energie des
Ministeriums ist Klaus Glasmacher für das Vertrösten zuständig: »Es
wird vermutlich bis Mitte Mai eine Entscheidung geben, wie mit den
Anträgen umgegangen wird und wie zukünftige Anträge bearbeitet
werden.« Mehr will oder darf er nicht sagen. An die KfW-Ankündigung,
bis Ende März alle Anträge nach den alten Konditionen zu bewilligen,
erinnert er sich gut: »Das bringt uns jetzt Probleme.« Die in der
Solarbranche seinerzeit zu spürende Euphorie kann er nicht teilen: »Wir
stehen vor einem Trümmerhaufen.«
Mögliche
Konditionen
Noch ist nichts offiziell, und viele Gerüchte der vergangenen Wochen
wurden zwischenzeitlich wieder dementiert. Trotzdem wird von den Grünen
als Reaktion auf den Rückzieher des Bundeswirtschaftsministeriums
eine Information zu den »wahrscheinlichen Eckpunkten« verbreitet.
Die sieht so aus:
- Die
Zinsverbilligung wird wie bisher nominal 4,5 Prozent betragen;
angesichts der Zinsentwicklung wird es daher bis auf Weiteres kein
Null-Zins-Darlehen mehr geben.
- Für Privatleute
werden die Kredite weiterhin zu 100 Prozent ausgereicht, die
Anlagengröße wird jedoch auf 5 kW beschränkt.
- Bei Anlagen über
5 kW und generell Anlagen von kleinen und mittleren Unternehmen
(KMU) kann das Programm zu 50 Prozent in Anspruch genommen werden.
- Die förderfähigen
Anlagenkosten werden auf 14.000 DM/ kW begrenzt und sinken in den
Folgejahren jeweils um 5 Prozent.
Von einem Erlass der
letzten beiden Raten ist keine Rede mehr. Markus Kurdziel, Klima- und
Umweltreferent bei Bündnis 90/ Die Grünen, verteidigt die
Verschlechterung: »Es macht keinen Sinn, mehr Anlagen zu fördern als
die eigenen Modulfabriken produzieren und die Installateure montieren
können«, so sein Argument. Dafür, dass die komplette
Weltmarktproduktion in Deutschland verbaut würde, sei das Programm
ohnehin nicht gedacht. Die derzeitige Auftragsflut kanzelt er als Ȇberhitzungserscheinung
des Marktes ab« und hält sie als »breite Markteinführung der
Photovoltaik ganz gewiss für abträglich«.
Das Zauberwort, das
auch im Bundeswirtschaftsministerium immer wieder fällt, heißt »Verstetigung«.
Es sollen nicht zu viele Anträge eingehen und schon gar nicht in den
ersten Jahren. Denkbar wäre im Maximalfall eine Verkürzung des einst
für sechs Jahre vorgesehenen Programms auf fünf Jahre, heißt es aus
dem Büro des SPD-Abgeordneten Hermann Scheer. Wie das genau erreicht
werden soll, ist jedoch noch nicht ausdiskutiert. Im Raum steht eine
Quotierung der zu bewilligenden Anträge pro Jahr. Dies könnte
bedeuten, dass die einst als Richtwerte abgegebenen Erwartungen in
verbindliche Obergrenzen umgewandelt werden. Damit hätten im ersten
Jahr des Programm maximal 18 Megawatt installiert werden dürfen, von
denen allerdings nur rund 10 Megawatt abgerufen wurden. Zusammen mit
den restlichen acht Megawatt und den für dieses Jahr vorgesehenen 27
Megawatt wäre also im Jahr 2000 eine Leistung von 35 Megawatt
freigegeben, im nächsten Jahr 36, in 2002 dann 51, in 2003 wären es
72 und in 2004 schließlich 96 Megawatt. Diese Planwirtschaft würde
jedoch zu einem »Stop&Go«-Effekt führen, da jeweils zu Anfang
eines Jahres die entsprechende Leistung bewilligt würde und dann für
den Rest des Jahres Schluss wäre. Eine Entwicklung, die auch Kurdziel
vermeiden möchte.
Die Solarindustrie
bekam im April schon einen Vorgeschmack auf »Stop&Go«. Viele
Installateure hatten von dem Zusagestopp nichts mitbekommen und - da
auch ihre Kunden, die Antragsteller, von der BMWi-Direktive nicht in
Kenntnis gesetzt wurden - Module und Wechselrichter für die sicher
geglaubten Aufträge bestellt. Werden die Anlagen jetzt nicht gebaut,
könnte dies für einige Installateure den Konkurs bedeuten, da sie
ihren Lieferanten verpflichtet sind. Somit würde das einst auch
international als weltbestes Förderprogramm gepriesene 100.000-Dächer-Programm
statt zu einer Ausweitung des Marktes zu einer Konzentration auf
finanzstarke Betriebe führen, die wochenlange Marktunsicherheiten
verkraften können und auch an Auftragsausfällen in Höhe von
mehreren Millionen Mark nicht zerbrechen.
Sollte man jetzt
noch Anträge stellen?
Die Konditionen werden sich mit Sicherheit nicht verbessern. Es kann
aus diesem Grund in keinem Fall schaden, einen Antrag auf Förderung
zu stellen. Für die KfW gelten jedoch, so die Auskunft, »von jetzt
ab immer die Konditionen, die am Tag der Bewilligung gelten«. Wem
diese dann ungenügend erscheinen, kann auf die Einlösung seines
Bewilligungsbescheides verzichten. Hinzu kommt, dass bei einer
Quotierung des Programms die Leistung, die bewilligt werden darf, zu
einem bestimmten Zeitpunkt ausgeschöpft ist. Wessen Antrag später
eingehen, wird dann vertröstet. Das aber könnte auch den schon in
der Warteschleife stehenden 15.000 Antragstellern passieren.
Anne
Kreutzmann
© PHOTON, 2. Mai 2000
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Solar Verlags
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